Ostdeutsche Meisterin Fitnessklasse. Deutsche Rekordhalterin Kreuzheben. Strongest Woman.

Maria Fuchs – eine Frau voller Kontraste. Wer sich eine Physikstudentin vorstellt, dem wird wohl alles andere näher liegen, als der Gedanke daran, dass sich diese Person im Bikini auf einer Wettkampfbühne vor vielen Zuschauern präsentieren würde. Genau das aber macht die Sache mit Maria interessant. Im Bodybuilding der Frauen gibt es auch eine Fitnessklasse in der Wettkämpfe abgehalten werden. Der Wettbewerb besteht aus drei Runden – Präsentation im Abendkleid, ein Aufritt im Bikini und als Highlight wird dem Publikum eine tänzerische und turnerische Kür dargeboten. Wer nun meint, das alles habe mit muskelbepackten Frauen zu tun, der hat sich bereits mit einem Vorurteil behaftet. Sicher streben die Kontrahentinnen eine gewisse muskuläre Definition an, vor allem aber punkten sie mit weiblicher Ausstrahlung. Muskelmasse bleibt außen vor. Im Mai konnte Maria bei den Ostdeutschen Meisterschaften im Bodybuilding den Titel in der Fitnessklasse gewinnen. Nach drei Monaten intensivem Üben der Kür und konsequentem Diäthalten wurde sie mit der Goldmedaille belohnt.

Aber nicht genug mit den Gegensätzen. Bei der 58kg-Athletin spielt nicht nur das Aussehen und die Fitness eine Rolle. Unerwartete Ambitionen werden offenbar – Maria hält mit 127,5 kg den Deutschen Rekord im Kreuzheben, was mehr als dem Zweifachen ihres Körpergewichts entspricht. Mit bloßem Handgriff wird bei dieser Wettkampfdisziplin eine Langhantel vom Boden bis zur Hüfte gehoben. Nicht, als ob damit schon alles gesagt wäre. Maria gehört zu den Leuten, die sich im Verband „GRAWA“ (German Raw Association) wiederfinden, bei dem bei den Wettkämpfen keine Hilfsmittel wie z. B. Wickelbandagen für das Knie oder unterstützende Anzüge erlaubt sind. Dort zählt ausschließlich das körperliche Leistungsvermögen. Manch einer aus der Fraktion des „starken Geschlechts“ und von denjenigen, die diesen Anspruch haben, wäre doch echt froh, wenn er von sich behaupten könnte, das Doppelte seines Eigengewichts zu bewältigen.

Wer nun schon vor lauter Anerkennung mit dem Kopf schüttelt, sollte lieber warten. Es kommt noch ein Stück taffer! Die Schwarzhaarige nimmt auch an „Strongest-Woman“-Turnieren teil. Und das ebenfalls erfolgreich. Schon beim „Power-Girl-Cup“ 2008 in Cottbus stand sie auf dem Siegerpodest ganz oben. „Strongest-Woman“? Dafür bitte eine Erklärung! Wie Sportinteressierten und TV-Zappern gleichermaßen die unterhaltsamen Strongman-Wettbewerbe aus der Übertragung auf dem Sportkanal bekannt sein dürften, so gibt es auch das weibliche Pendant dazu, zum Beispiel in den Ausprägungen Transporter-Ziehen, Zentner-Kugeln stemmen, Traktorreifen wenden und mehr. Einigermaßen entgeistert respektiert man: Ein Vorrecht auf diese Übungen nur für Männer wird es nicht geben (können).

Einige Fragen werden nun im Raum stehen. WIE gelangt eine Frau zu solchen untypischen Sportarten? Wie wird man als Kraftsportlerin in der Gesellschaft wahrgenommen? Kann jemand überhaupt drei ernsthaft betriebene Sportarten vereinen?

Im August 1988 erblickte Maria das Licht der Welt. Einige Jahre vergingen, bevor sie überhaupt sportlich aktiv wurde. Mehr als Schulsportunterricht und Schach-Spielen im Verein lief bei Maria unter diesem Blickwinkel vorerst nicht. Als begabte Schülerin wechselte sie das Gymnasium und absolvierte nach vertiefter mathematisch-naturwissenschaftler Ausbildung an der Wilhelm-Ostwald-Schule in Leipzig das Abitur; und richtig – es ist eher nicht so, dass Gymnasiastinnen dieses Umfeld dominiert hätten. Als einzige weibliche Anwärterin nahm sie am Physik-Leistungskurs teil. Der Note im Abschlusszeugnis hat das nicht geschadet, mit 1,3 erlangte sie 2007 die Hochschulreife. Obwohl sie kurz überlegte, Zahnmedizin zu studieren und in die Fußstapfen der Mutter zu treten, war es – da dieses Fach für Maria doch zu sehr nach Auswendiglernen aussah – am Ende für sie naheliegend, im direkten Anschluss ein Physikstudium aufzunehmen und sie entschied sich für den Studiengang „Experimentelle und theoretische Physik“. In diesem Sommer des Jahres 2007 lernte sie Oli N. kennen. Dieses Treffen beeinflusste ihr Leben nachhaltig. Oli, ein ehemaliger Kanute und mittlerweile sehr erfolgreicher Strongman, konnte Maria vom Fitnesstraining überzeugen. Maria erinnert sich noch an die ersten Trainingseinheiten: „An Bankdrücken mit der leeren 20kg-Hantel war nicht zu denken. Ich hatte auch keine Chance, nur einen einzigen Liegestütz zu schaffen.“

Umso beeindruckender ist ihre Karriere. Anfangs nahm sie nur unregelmäßig am Training teil. Um die Motivation zu erhöhen, suchte sie sich ein größeres Fitnessstudio. Dort fiel erwartungsgemäß der Zuspruch der mit ihr Trainierenden größer aus und mit der Studioszene beförderte sich ihr Selbstvertrauen. Dabei wurde der Cheftrainer des Studios auf ihre besondere Veranlagung aufmerksam und konnte Maria für Wettbewerbe in der Fitnessklasse überzeugen. Neben dem Krafttraining nahm sie zusätzlich noch das Angebot wahr, sich im Boxen auszupowern. Diese Belastung konnte sie allerdings auf Dauer noch nicht kompensieren. Dafür klappt es umso besser im Kreuzheben. 2009, nach gerade einmal zwei Jahren Trainingserfahrung, bewältigte Maria 115kg bei der Deutschen Meisterschaft und holte auf Anhieb den Titel. 2010 konnte sie ihren ersten Platz verteidigen und sich 2011 zum dritten Mal in Folge die Goldmedaille umhängen. Im zweiten Versuch hob sie hier souverän 127,5kg. Im dritten und letzten Versuch scheiterte sie daran, dass sich ihre Fingernägel beim Zug im Trikot verhakten und es ihr so nicht mehr gelang, sich komplett in die Endposition zu strecken. Ein kleines Missgeschick, das in sich aber Symbolcharakter trägt:

Maria ist trotz der respektablen Kraft eine Frau geblieben. Sie besitzt über 30 Paar Schuhe und noch mehr Kleider, geht am liebsten mit ihren Freundinnen shoppen und am Abend tanzen. Mit Vorliebe gönnt sie sich des Öfteren Süßes. Gerade wer sportlich aktiv ist und einen hohen Anteil an Muskelmasse (einen höheren Stoffwechsel-Grundumsatz) hat, darf auch mal naschen. Selbst heute passt sie noch in das T-Shirt, welches sie bereits mit 14 Jahren getragen hat. Welche Frau wünscht sich das nicht? Ganz im Gegensatz zu den männlichen Bodybuildern – womit wir bei den Klischees wären: Von der Mentalität ordnet sich Maria eher bei den Kraftsportlern ein. Wie sollte sie auch Interesse haben an einem breiten Rücken oder an einer flachen Brust! Deswegen kommt für sie das Bodybuilding nicht einmal als Gedanke in Frage. Um einen Bogen von den Eitelkeiten der Männerwelt zu Womans allgegenwärtiger Beauty-Konkurrenz zu knüpfen, kann ich mir gut vorstellen, wie befreiend es sich für Maria anfühlen darf, gerade als Frau nicht ständig als mehr (er)scheinen zu müssen, als ihr das eigene SEIN hergibt. In Wahrheit ist es einfach nur souverän, all das Klickera-Klack aus dem weiblichen Schatzkästchen lustvoll entspannt einsetzen zu können zur Betonung eigener Vorzüge, anstatt mit viel Bling-Bling (Nails, Make-up, Hair, Freak-Chic- oder Fatty-Style) von eigenen Nachlässigkeiten ablenken zu müssen. Man hat oft den Eindruck, dass viele Frauen den Strauß nur unter ihresgleichen, um ihrer selbst willen, ausfechten, anstatt sich einfach bewusst zu werden, auf was Mann steht.

Maria jedenfalls möchte sich jeden Monat spürbar verbessern und möglichst viele weitere Sportarten ausprobieren. Seit wenigen Wochen übt sie auch das Olympische Gewichtheben. Nach wenigen Trainingseinheiten stehen bei ihr schon jetzt bemerkenswerte 35 kg im Reißen plus 55kg im Stoßen zu Buche. Wenn Maria drei Mal in der Woche trainieren kann, ist sie glücklich. Besonders wichtig ist es dabei, konsequent zu sein. Eigentlich bedauert Maria, dass viele Frauen ein geringes Durchhaltevermögen aufweisen. Wie gerne würde sie sich mit mehr weiblichen Startern messen: „Einfach hingehen heißt die Devise. Und nicht nach Gründen suchen, um zuhause bleiben zu können. Frauen sollten endlich die Scheu vor hohen Gewichten ablegen.“ Die Physikstudentin trainiert nun schon vier Jahre und keiner, der sie nicht näher kennt, würde vermuten, dass Kraftsport ihre große Leidenschaft ist. Es gibt Unterschiede in der Anatomie, aber es muss deswegen keine großen Unterschiede mehr geben zwischen Mann und Frau im Training. Maria ist dafür das beste Beispiel.

Maria stellt hier kurz ihren aktuellen Trainingsplan vor, welchen sie im 5-Tages-Rhythmus absolviert:
– 1 Einheit Beine oder Gewichtheben
– 1 Einheit Schulter, Trizeps, Bauch
– 1 Einheit Bizeps, Brust

Demnächst beginnt für die 22-Jährige die spezielle Vorbereitung für die Europameisterschaft im Powerlifting in Danzig. Mitte November jagt sie wieder einen neuen Rekord. Nächstes Jahr im März soll es über den großen Teich nach Amerika gehen, um im RAW-Powerlifting bei der „Arnold-Classic“ teilzunehmen. Ihr großes Ziel ist es irgendwann, das Dreifache ihres Körpergewichts zu bewältigen, was nicht weniger bedeutet als eine Last von 175kg. Auch in den Strongest-Woman-Wettbewerben hat sie sich noch viel vorgenommen. Neben ihrer Lieblingsdisziplin „Hand-over-Hand“ (Autoziehen mit einem Seil) nimmt sie mit leidenschaftlichem Anspruch die Herausforderung an, eines Tages die 120kg-Atlaskugel zu bewältigen. Maria möchte aber gleichfalls weiterhin an den Fitnesswettbewerben teilnehmen. Zu jedem Wettkampf möchte sie eine Verbesserung an ihrem Körper feststellen und ihren Vorbildern Tina Durkin und Lyen Wong ein Stück näher kommen.

Also, liebe Damen, denkt am besten noch heute darüber nach, wie ihr euren jeweils eigenen Weg zum Sport findet – aber tut es! Oder begleitet ab sofort euren Freund mit ins Fitnessstudio. Lasst die bequemen Geräte links liegen und traut euch an die Langhantel. Ihr werdet den Unterschied deutlich merken. Richtiges Training ist nun einmal intensiv und bringt euch ins Schwitzen. Die Pausen braucht ihr in Zukunft eher zum Luft holen, anstatt über Patrick Dempsey aus „Grey´s Anatomy“ zu quatschen. Sportliche Betätigung verschafft von ganz allein Ausgleich und Erfüllung. Die Bedeutung für und die positive Wirkung auf das gemeinschaftliche Miteinander stellen einen nicht zu unterschätzenden Wert dar. Weil man konzentrierter zu leben lernt, ist es auch ein falscher Mythos, dass die Freizeit nicht ausreichen würde für den Sport. Ganz nebenbei kann sich durch das gemeinsame Training mit dem Partner die Beziehung noch vertiefen; einige Jahre später und um einiges älter wird diese Chance leider vergeben sein. Also lasst euch die Technik der effektiven Ganzkörperübungen beibringen und packt Gewicht auf, wenn ihr euch sicher fühlt. Beugt und zieht bis zum Umfallen. Und vielleicht entdeckt die eine oder andere von euch dabei den Wunsch, sich auch im Wettkampf zu beweisen. Maria würde sich freuen – und ihr würdet es gleichwohl nicht bereuen. Seid herzlich willkommen!